meine Sichtweisen zum Thema Abtreibung


Im Zuge der Vorbereitungen zum Trauerstunde am 11.12.2005 am Wiener Zentralfriedhof, Grabfeld 35B (Babygrabfeld) wurde ich mit der Aussage konfrontiert " Frauen nach einer Abtreibung steht das Recht auf Trauer nicht zu "..." den abgetriebenen Babys eine Beerdigung zu vergönnen ist absurd" - ich wurde auch mit der WHO Feststellung konfrontiert "Gezeugtes Leben ist ab der Zeugung kein 
Mensch" Hier schließt sich für viele Frauen und Männer die Frage an: wie lange ist der Mensch kein Mensch?
Ich kann die Ärzte, Wissenschaftler, Politiker verstehen, deren Sehnsucht es ist, zu forschen, zu heilen...am Beginn des Lebens Würfel anders fallen zu lassen, in der Hoffnung, diese oder jene Genetisch Bedingte/ verursachte Krankheit heilen /verändern zu können.

Ich bin selbst behindert geboren worden - da mein Vater und in seiner Linie zurück mehrere Verwandte die gleiche Rückenerkrankung aufweisen, gehe ich davon aus, das die Genetik in meinem Fall mitspielt. Ich gehe also in den Schuhen genetisch bedingter Behinderung.
 
1976 war ich 16, schwanger und ich wollte meine Tochter Barbara zur Welt bringen. Mein Vater sagte zum Kindesvater und mir: ihr wollt nicht heiraten? Dann muß eure Tochter sterben!" Diese Aussage veranlaßte mich, von zu Hause fortzulaufen - hinauf in die Tiroler Berge (ich, eine gebürtige Flachländerin aus D). In den Bergen blieb ich bis Ende der 16. Schwangerschaftswoche, also bis Ende des 4. Schwangerschaftsmonats! Erst dann ging ich wieder in die "Zivilisation" zurück, in der Annahme: mein Kind sei geschützt, 
die Abtreibung sei abgewendet, weil ich doch schon sichtbar über die erlaubte 12. Woche schwanger bin. Ich lief in die Arme von zwei Polizisten und sagte diesen, das ich schwanger sei und nicht nach Hause zu meinen Eltern möchte, weil diese - mein Vater als treibende Kraft - eine Abtreibung = tötung ihres Enkelkindes von mir verlangten. Ich wollte in eine Schutzeinrichtung für Frauen - doch diese gab es nicht, obwohl der Gesetzgeber seit 1974 die Abtreibung ermöglicht! Die Polizei brachte mich zu meinen Eltern zurück. Ich wurde mit Ohrfeigen empfangen - unter Ohrfeigen am nächsten Tag gezwungen, in meines Vaters Auto zu steigen. Er fuhr mit 
mir nach OÖ, Linzer Frauenklinik, wo ein priv. niedergelassener Arzt (Dr. Fegerl) Belegebetten hatte. Auch diesem Arzt sagte ich, das ich Ende des 4. Schwangerschaftsmonats sei. Seine Reaktion vor der Abtreibung "Das muß ich ja nicht wissen, das Du mir das 
vorher gesagt hast" Ich dachte mir:" A...., Du mußt mich ohnehin vorher Untersuchen, um das Alter der Schwangerschaft festzustellen!" Nach der Abtreibung wärend meines Aufwachens kam der Arzt an mein Bett und sagte "Du hattest recht, Du warst Ende des 4. Schwangerschafstmonats! Für Absaugung war dein Kind zu groß! Ich mußte es daher in deinem Mutterleib zerstückeln und dann absaugen" ...Mein Vater betrat den Aufwachraum, Dr. Fegerl ging zu ihm - Sie kannten sich über die Organisation Schlaraffia - und 
10.000 S wechselten von meines Vaters Hände in die Hände Dr. Fegerls vor meinen Augen.
 
Okt. 2000 sagte mein damals 19jähriger Sohn mir: "Mama, Du wirst Oma!" - sein Mädchen war 15. Dieser mein Sohn war für Abtreibung. Schon als 13 jähriger sah seine Lebensplanung für sich Kinderlos aus. In Gesprächen stellte sich heraus, das er nicht verhütet = keinen Gummi verwendet hat mit dem Argument "Die seien so teuer". Und außerdem: sein Mädchen würde doch ohnehin die Pille nehmen...hätte Sie zumindest ihm gesagt.
Ich rief sein Mädchen zu einem Zeitpunkt an, wo ich sicher wußte, das mein Sohn bei ihr nicht sein konnte und ich machte Sie darauf aufmerksam, das die Entscheidung - das Kind auszutragen oder nicht auszutragen nicht nur moralisch, sondern auch gesetzlich ganz allein bei ihr läge - und egal wie sie sich entscheide - mit den Folgen müsse Sie allein klar kommen. Im Sep. 2001 wurde mein Enkelsohn geboren - zudem ich bis heute meine Rolle als Oma lebe.
 
In einem Punkt bin ich mit der Pro - Life - Bewegung einig: aus lebenden Organismen - wie es Eizelle und Samenfaden sind - entsteht neues Leben. Da jede Frau individuellen Zugang zu sich selbst, ihrer Weiblichkeit, ihrer Sensibilität, ihrem Körper und Spiritualität hat - nehmen Frauen die Vorgänge ihres Körpers unterschiedlich wahr und bewerten diese auch individuell anders gemäß ihrem momentanen Lebensgefühl und Lebensgestaltungsträumen. Es gibt meines Wissens keine statistische Erfassung darüber, wie viele 
Frauen ihre Befruchtungsfähigen Tage spüren, den Beginn neuen Lebens in sich oder wann wieder die Periode kommt. Aber es gibt diese Frauen und meinen Erfahrungen nach in sehr großer Zahl. Ich habe bei jedem Kind mit Ende des jeweiligen Sexualaktes gewußt: nun bin ich schwanger - und das hat immer gestimmt : mein Körper wurde schwanger, es hatte bei mir 5 mal eingeschlagen.
 
Statistisch erfaßt wurde irgendwann einmal, das - losgelöst von Abtreibung und anderen Umständen - 1/3 aller gezeugten Kinder von selbst bis zur 12. Schwangerschaftswoche gehen. Manche Frauen haben plötzlich Bauchschmerzen, gehen auf WC - und drücken: flutsch ein totes Kind aus ihnen rauß. Was machen sie im ersten Schock: die Spülung betätigen.
 
Dann gibt es Frauen, für die ist jeder Verhütung, welche verhindert, das die befruchtete Eizelle sich einnisten kann, ihrem persönlichem empfinden nach bereits eine Abtreibung, eine bewußt gesetze Vorraussetzung zur Tötung ihres soeben empfangenen Lebens. Auch das muß man respektieren, Achten, Wertschätzen.
 
Rund 35.000 bis 80.000 Abtreibungen gibt es in Österreich. Statistische Aufzeichnungen gibt es in Österreich ja leider bislang keine. 35.000 Abtreibungen sagen die Mediziner und von 80.000 Abtreibungen reden die österr. Pro - Life - Bewegung - meinen Informationen nach, aber ich kann mich hierin auch Irren.
 
Wie dem auch sei: ein Kind hat Vater und Mutter. Die Gleichberechtigung = die gleiche Verpflichtung - in unserem Fall dem Kind gegenüber.
 
Dann schauen wir uns diesbezüglich mal die Statistik an:
 gehen gleich viele Väter wie Mütter in Karenz (die Auszeit zugunsten des gemeinsamen Nachwuchses meine ich): nein - diese Verzichtbereitschaft zugunsten des Kindes nehmen weit mehr Frauen auf sich
 
Gibt es gleich viel Alleinerziehende Väter wie Mütter: nein - das tun sich weit mehr Frauen an.
 
Werden die Alimentenhöhe an den Bedürfnissen des Kindes festgemacht ? zB der Alimentenzahler kommt für Kindergarten und Kleidung auf. Nein: sie werden am Einkommen des Alimentenzahler festgemacht. Aus eigenem Erleben kann ich hierzu beitragen: laut Kinderarzt brauchte mein Kind eine privat zu zahlende Salbe aus der Apotheke, weil alle Salben, welche die Krankenkasse zu zahlen bereit waren, 
meinem Kind nicht halfen - wir hatten alles durchprobiert. Die Tube reicht für eine Woche und kostet 200 S. Spitze: am gleichen Tag hatte ich für genau dieses Kind die Alimentenhöhe vom Gericht bekannt bekommen: 350 S monatlich. So reichten die Alimente nicht mal 
für den Monatsbedarf an Windeln! Von wegen - wie der Gesetzgeber es festschreibt im Gesetz: ein Elternteil versorgt das Kind, der andere Elternteil kommt wirtschaftlich für´s Kind auf. Im Alltag geht sich das in den Allerwenigsten Fällen so aus.
 
Es gibt - und hier bin ich ganz auf der Seite der Frauen - für Frauen tausende von berechtigten Gründen, kein Kind ist diese Welt zu setzen.
Ich empfinde es als eine österr. Schande, das 30 Jahre nach Fristenlösung noch immer nicht jede Frau in ihrem Bundesland unter bestmöglicher medizinischer und menschenwürdiger Umgebung abtreiben kann.
Ebenso empfinde ich es als österr. Schande, das nicht schon längst jedes Bundesland eine Anlaufstelle hat für schwangere obdachlose Mädchen und Frauen, wo sie ab Schwangerschaftsbeginn an geschützt sind, um hier in Ruhe ihr Kind austragen können.
 
Auf Grund meines persönl. Erlebens gründete ich im Jahr 2000 die Selbsthilfegruppen für Teenagereltern und für Frauen, welche abgetrieben haben und darüber reden möchten. Ich erlebte dadurch die Not der obdachlosen schwangeren Teenagern - hinausgeworfen von 
zu Hause, weil sie schwanger waren und ihr Kind behalten wollten. Ich suchte den Kontakt auf der Babymesse mit Menschen, welche beruflich mit Schwangeren und der Not der Teenager konfrontiert waren - in der Hebamme Uschi Reimhofer fand ich eine für dieses Thema offene 
Fachkraft. Kurze Zeit später erfuhr ich von der Gründung des Projektes Babydoll und dem Haus L.E.N.A. - eingebetttet in der priv. Klinik zum Göttlichen Heiland....(Nachmachen ausdrücklich erlaubt! Das schafft Arbeitsplätze! Heißen wir als Gesellschaft gemeinsam die obdachlosen Mütter mit ihren ungeborenen Kindern ab Schwangerschaftsbeginn willkommen!)
 
Von Mensch zu Mensch muß es möglich werden, ehrlich von einander und in Liebe miteinander über die Sexualität und seine Folgen und unseren Reaktionen darauf zu reden.
Genauso muß es auch möglich und zu einem Selbstverständnis werden, das alle in einer Klinik, Abtreibungsambulanz oder priv. Gyn. ordination erfaßten verstorben Kinder einer Beerdigung zugeführt werden. Es geht hier um die Einhaltung der Menschenwürde dem 
verstorbenen Kind gegenüber - und nicht um die Todesursache!
 
Die Beerdigung der menschlichen Überreste haben selbstverständlich auch dann zu erfolgen, nachdem die Forschung und Industrie ihren gesellschaftlichen bzw wissenschaftlichen Auftrag erfüllt hat.
 
Kurz gesagt: ich bin für Abtreibung - Entscheidungsträgerin ist die (minderjährige) Frau - denn es gibt viele gute Gründe, dieser Gesellschaft kein Kind zu schenken bzw anzuvertrauen.
 Ich bin für die Beerdigung = Würdigung jeden Kindes ab Zeugungsbeginn, unabhängig der Todesursache.
 
Jedes Kind hat Vater, Mutter, zwei mal Großeltern, ev. Geschwister, Onkel´s und Tanten ec,.
Fast alle verstorbenen Kinder konfrontieren berufstätige Menschen, sei es die Hebamme, den Arzt, die Assistentin, die Putzfrau, welche eine Gyn. ord. oder OP- Raum Tag für Tag zu reinigen hat oder den Seesorger oder Bestatter. Ebenso werden Ersthelfer (Polizei, Rettung ec.) mit einem sterbenden oder toten Kind konfrontiert. Allen steht es zu, trauern zu dürfen um ein totes Kind, unabhängig von Todesursache und familiärer Beziehung.
In diesem Sinne arbeite ich - in diesem Sinne will ich meine Arbeit verstanden wissen - in diesem Sinne wird es die Trauerstunde am Wiener Zentral Friedhof ab 11.12.2005 in jedem Folgejahr am 2. Sonntag im Dezember geben. So wir es als Gesellschaft, als Meinungsbildner wollen, wird in Zukunft in diesem Sinne ein menschenwürdigerer Umgang mit allen verstorbenen Kindern möglich werden.


Gunnhild Fenia Tegenthoff
Mutter und Oma
Mutter von 3 Sternenkindern
www.sonnenstrahl.org

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