Abtreibung und Depression (Teil 1)


Interview mit Theresa Burke, Gründerin von "Rachel's Vineyard Ministries"

KING OF PRUSSIA, 21. März 2006 (
ZENIT.org).- Eine Frau durchlebt im Verlauf ihrer Schwangerschaft verschiedene psychische Stadien in ihrer Beziehung zu ihrem ungeborenen Kind – eine Tatsache, die in der Abtreibungsdiskussion oft übersehen werde, erklärt Theresa Burke, Gründerin von "Rachel's Vineyard Ministries" ("Rachels Weinberg"), einer Organisation, die für Frauen, die abgetrieben haben, Wochenend-Einkehrtage zur Heilung anbietet.

In dem vorliegenden zweiteiligen Interview mit ZENIT geht es um die Beziehung der Frau zu ihrem ungeborenen Kind und den Zusammenhang zwischen Abtreibung und Depression.

ZENIT: Welcher Art ist die Entwicklung der seelischen Beziehung zwischen der Mutter und ihrem ungeborenen Kind während einer Schwangerschaft?

Burke: Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit. Sie ist ein ganz natürliches Geschehen, das seit Jahrtausenden, von Generation zu Generation, vor sich geht. Der Körper der Frau ist von Natur aus dazu "programmiert", Leben zu schenken und zu erhalten. Die seelische Beziehung zwischen der Mutter und ihrem ungeborenen Kind wird durch Veränderungen in ihrem Körper sowie durch hormonelle Vorgänge ausgelöst, aber auch durch die Ernährung und Versorgung des Kindes im Mutterleib.

Für die meisten Frauen sind die ersten drei Monate eine Zeit der freudigen Erwartung oder auch des Unwillens und der Angst, weil die Schwangerschaft unerwartet und ungeplant ist. Häufig sind die Gefühle ambivalent: Die Mutter staunt über die geheimnisvolle Tatsache, dass ihr Körper fähig ist, Leben hervorzubringen, kann sich aber auch erdrückt fühlen von den Pflichten, die mit der Sorge für einen anderen Menschen verbunden sein werden.

In den nächsten drei Monaten kann die Mutter negative und positive Gefühle über die Veränderungen ihres Körpers empfinden. Und die letzten drei Monate können auch Ängstlichkeit hinsichtlich der Geburt, Besorgnis über die Gesundheit ihres Babys, Sorge darüber, wie sich ihr Partner auf das neue Familienmitglied einstellen wird, oder auch finanzielle Sorgen mit sich bringen.

Gleichzeitig empfindet die Frau Aufregung und Vorfreude über die bevorstehende Geburt ihres Babys und den Beginn einer vollkommen neuen Phase in ihrem Leben.

Wenn das Kind geboren ist und der Mutter in den Arm gelegt wird, erreicht all das – das über menschliches Verstehen hinausgehende Geheimnis, das Staunen und die Freude – in einem überwältigenden, Kind und Mutter verbindenden inneren Geschehen seinen Höhepunkt, wenn die Mutter voller Freude ein kostbares neues Leben begrüßt.

Man kann sagen, dass die Frauen die volle Zeit von neun Monaten Schwangerschaft auch dazu brauchen, um in den emotionalen und seelischen Prozess einzutauchen, der das Mutterwerden begleitet. Beide, Mutter und Kind, erleben eine mächtige, atemberaubend schnelle Entwicklung und Verwandlung.

ZENIT: Welche Rolle spielen äußere Faktoren bei der Entscheidung einer Frau für die Abtreibung? Welche Bedeutung kommt dabei etwa dem Druck von Seiten der Familie oder des Partners zu? Welchen Stellenwert mögen finanzielle Probleme haben?

Burke: Eine jüngst veröffentlichte Studie zeigt, dass in 95 Prozent aller Fälle der Partner bei der Entscheidung für eine Abtreibung eine ganz zentrale Rolle spielt. Aus anderen Studien, wie zum Beispiel einem Bericht, der im Juli 2005 in der "Post Abortion Review" des Elliot-Instituts erschien, geht hervor, dass bis zu 80 Prozent der Frauen das Kind zur Welt brächten, wenn sie darin unterstützt würden.

Ein ehemaliger Aufsichtsbeamter einer Abtreibungsklinik, der als Zeuge in Massachusetts aussagte, gab an, dass die Männer, die die Frauen in die Kliniken brachten, diesen in der Regel drohten und sie beschimpften. Allzu oft ist es nicht die Frau selbst, die sich für eine Abtreibung entscheidet, sondern ein anderer Mensch in ihrem Leben, und von den meisten Frauen bekommen wir zu hören, dass sie keine andere Wahl gehabt hatten als die Abtreibung.

Es ist statistisch erwiesen, dass der Mord die Ursache Nummer 1 für Todesfälle bei schwangeren Frauen ist. Männer, die wegen Mordes an ihren schwangeren Frauen verurteilt wurden, haben als Hauptmotiv für ihre Tat angegeben, dass sie keinen Unterhalt für das Kind zahlen wollten. Diese Statistiken, die mit Daten der ganzen USA arbeiten, zeigen also deutlich, dass ein hohes Maß an Zwang ausgeübt wird, um Frauen zu ungewollten Abtreibungen zu nötigen.

Viele Mütter fürchten, dass sie ohne die verlässliche Unterstützung durch den Vater des Kindes oder ihre eigene Familie nicht die Mittel hätten, für das Kind zu sorgen. Angesichts der Armutsraten unter Alleinerziehenden und der Schwierigkeiten, denen sie sich gegenüber sehen, ist dies ein wirkliches Problem. In allzu vielen Fällen findet man hinter jeder Frau, die abtreibt, eine Unzahl von Personen, die an ihrer "Wahl" sehr stark – oft auch in manipulierender Weise – beteiligt sind. Bei einer jungen Frau können das die Eltern sein, die ihr mit Liebesentzug drohen oder sogar damit, sie aus dem Haus zu jagen, wenn sie nicht abtreibt; es kann die Schulbeauftragte für Gesundheit sein, die ihre Autorität dazu nutzt, Abtreibung als die vernünftige, wohlüberlegte und angesichts der Situation der Schülerin einzig sinnvolle Lösung erscheinen zu lassen. Besonders schwierig ist es, sich gegen eine Abtreibung zu entscheiden, wenn ein Hinweis auf irgendwelche Gesundheitsprobleme bei dem ungeborenen Kind besteht. In diesen Fällen ist das Drängen auf eine Abtreibung oft äußerst stark.

Von Frauen, bei denen festgestellt wird, dass der Fötus schwere Missbildungen aufweist und denen eine perinatale Behandlung (Behandlung um den Zeitpunkt der Entbindung herum) in einem Hospiz angeboten wird, pflegen 95 Prozent‚ diese Form von "Hilfe" als die humanere und emotional wünschenswertere Lösung zu wählen. Dies vermeide die tiefe und komplexe Trauer, die eine gewöhnliche Spätabtreibung mit sich bringt, die sowohl für die Mutter als auch für das Kind eine schreckliche Erfahrung ist.

ZENIT: Was geschieht mit der bereits ausgebildeten Beziehung zum Kind, wenn eine Frau abtreibt? Besteht hier ein Unterschied zu den Auswirkungen einer spontanen Fehlgeburt?

Burke: Wenn eine Mutter abrupt und gewaltsam von ihrem Kind getrennt wird, erlebt sie ein Trauma, und das ist natürlich. An ihr ist etwas geschehen, was gegen die Natur gerichtet ist und den Tod bringt. In vielen Fällen hat die Frau ihrem Gewissen und ihren natürlichen Instinkten Gewalt angetan. Ihr Bild von einer "Mutter", die Leben schenkt, schützt und erhält, ist zerstört.

Ich habe Tausende von Frauen beraten, deren Leben durch das Trauma der Abtreibung, die sie als einen grausamen, entwürdigenden Vorgang erlebt haben, zerschlagen wurde. Sie empfinden Schmerz und Traurigkeit, das Herz tut ihnen weh, sie fühlen sich schuldig und fühlen Scham und Zorn.

Aber Frauen haben gelernt, sich zu betäuben – mit Alkohol und Drogen. Oder sie versuchen, ihr Trauma dadurch zu bewältigen, dass sie es wiederholen. Einige Frauen rufen ihren Abtreibungsschmerz immer wieder hervor, indem sie häufig den Partner wechseln und immer wieder abtreiben, gefangen in traumatischen Teufelskreisen von Verlassen- und Zurückgewiesenwerden. Andere ersticken ihre Gefühle durch ungeordnetes Essen, leiden an Panikattacken, seelischer Depression, Angst und Suizidgedanken, einige auch an bleibenden körperlichen Schäden und Verletzungen an den Fortpflanzungsorganen, so dass sie keine Kinder mehr bekommen können.

Abtreibung ist ein Todeserlebnis, das Aus für die Zukunft eines Menschen, einer Beziehung, einer Verantwortung, sie ist Tod und Ende des Zusammengehörens von Mutter und Kind, des Verbundenseins und der Unschuld. Ein derartiger Verlust wird selten ohne innere Konflikte und widerstreitende Gefühle erlebt.

Es wäre naiv zu denken, dass man darüber ohne Schwierigkeiten hinwegkommt. In meinem Buch
"Forbidden Grief: The Unspoken Pain of Abortion" ("Verbotene Trauer: Der unausgesprochene Schmerz der Abtreibung"), das ich zusammen mit David C. Reardon geschrieben habe, laden wir den Leser dazu ein, in den innersten Bereich des menschlichen Leidens vorzudringen, in einen Bereich, zu dem die Abtreibungsdebatte nur selten vordringt.

Jenseits von Diskussionen, Protestmärschen und politischen Auseinandersetzungen gibt es emotionale Auswirkungen der Abtreibung, bei denen die Worte versagen. Die seelische und geistige Agonie der Abtreibung wird von der Gesellschaft totgeschwiegen, von den Medien ignoriert, von Gesundheitsexperten bestritten, von der Frauenbewegung heruntergespielt und lächerlich gemacht. Das Post-Abortion-Syndrom (Trauma nach Abtreibung) ist eine schwere, verheerende Krankheit, für deren Heilung sich keine Berühmtheit öffentlich einsetzt, über die kein Fernsehfilm gedreht wird und für die kein Talk-Show-Beichtstuhl bereitsteht.

Die Abtreibung richtet sich gegen drei Dinge, die für das Selbstverständnis der Frau von zentraler Bedeutung sind: ihre Sexualität, ihr ethisches Gewissen und ihre Identität als Mutter, das heißt ihren mütterlichen Instinkt. Außerdem bedeutet die Abtreibung den Verlust eines Kindes oder zumindest den Verlust der Möglichkeit, ein Kind zu haben. In jedem der beiden Fälle muss die Frau diesem Verlust ins Auge sehen, ihn verarbeiten und über ihn trauern dürfen.

Bei einer Fehlgeburt erleidet die Mutter zwar auch den Verlust eines Kindes, der Unterschied besteht jedoch im Ausmaß an Schuldgefühlen und Scham, das Frauen nach einer Abtreibung empfinden, weil sie sich bewusst entschieden haben, ein Leben zu beenden. Demgegenüber sind es bei einer Fehlgeburt natürliche Ursachen, die zum Tod des Kindes geführt haben. Mit dem Verlust durch eine Abtreibung muss die Frau alleine fertig werden, da gibt es keine Hilfe und keinen Trost von der Gesellschaft, von Freunden oder der Familie.

Es ist auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass nach einer Abtreibung bei späteren Schwangerschaften viel häufiger Fehlgeburten auftreten. Frauen, die eine Abtreibung erlebt haben und später ein gewolltes Kind verlieren, berichten häufig von großen Schmerz und Depressionen, weil sie glauben, dass die Fehlgeburt "eine Strafe Gottes" ist. ZGP06032101

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