zur Abtreibung erzwungen


Juni 03: Freundin zur Abtreibung gedrängt: „Meine Freunde erledigen das!“

 

Mit einer Flasche oder zwei habe er, der werdende Vater, gefeiert. Zusammen mit Freunden. „Angestoßen hätten sie auf die zukünftigen Vaterfreuden.“ Etwas, was sie vielleicht nicht hätten tun sollen, denn im alkoholisierten Zustand habe er die künftige Mutter zur Abtreibung gedrängt. Es sind nicht gerade die wirtschaftlich besten Umstände, in die der Zwerg hineingeboren werden wird. Doch – und das ist die gute Nachricht – zur Welt kommen wird das Baby.

Es ist das zweite Kind für die 21 jährige Frau, vom zweiten Mann. Der ist 14 Jahre älter als sie, lebt als „U-Boot“ in Wien und arbeitet als Tagelöhner.

„Vor Richter Schneider im Landesgericht St. Pölten steht er wegen „versuchten Schwangerschaftsabbruchs als Beteiligter“, denn die Freude über das kommende Baby währte nur kurz. Die mittlerweile Exfreundin erzählt:“ Vor allem, wenn er was getrunken hat, wollte er, dass ich abtreiben gehe. Da hat er auch gesagt, dass er Freunde hat, die jederzeit jemanden umbringen würden. Und das es auch andere Wege gibt, daß das Kind weggemacht wird.“ Für Richter Schneider ein klarer Fall von gefährlicher Drohung: fünf Monate bedingt, nicht rechtskräftig.

Der Leiter der Staatsanwaltschaft, Nemec, meldete Nichtigkeit und Berufung an.

 

 

Montag, 15. November 2004

Ich, Gunnhild Fenia Tegenthoff und wurde 1960 in Marl/Westfalen als erstes Kind (mit einem Wirbelsäulenfehler = Wirbelsäule ist ähnlich einem überdehnten Brauseschlauch) geboren.

Meine Eltern waren damals verheiratet.

Bei der letzten Orthopädischen Untersuchung in Bielefeld, NRW,D erfahre ich 1971, also 11jährig (der Arzt antwortet auf Grund einer Frage meiner Mutter): „Ihre Tochter wird nie selbst Kinder austragen können, wird nie beruflich sich selbst erhalten können und noch bevor sie 30 Jahre alt ist, wird sie Wirbelsäulenoperiert und danach im Rollstuhl sein.“

Wenige Tage später erfolgte die Übersiedlung der gesamten Familie nach Tirol. Wir wohnten fortan in einen Haus am Land, galten als die „Zugereisten“ – wegen meinem Vater hieß es „A, zum Professor wollen sie? Da fahrens dort und dort entlang.“ Zu jenem Zeitpunkt hatte mein Vater noch nicht den Berufstitel „Professor“, welchen er erst Jahre später erhielt auf Grund seiner Leistungen als Konzertmeister und Musiklehrer.

1974 – wir als Familie fahren die 74 jährige Mutter meines Vaters besuchen. Die Diskussionen um den §218 lassen niemanden kalt, auch diese meine Großmutter nicht. Sie sagte damals zu meinem Vater gewand in Anwesenheit von meiner Mutter, meiner zwei jüngeren Geschwistern und mir: „E., wenn es damals, als ich auf dich schwanger war, es schon die Legalität der Abtreibung gegeben hätte – ich hätte Dich abgetrieben!“

1975: längst war für mich klar, das ich – wenn ich schon selbst keine Kinder austragen werde können – so denn doch Kinderdorfmutter oder Entwicklungshelferin werden wollte. Liebe den Kindern zu geben war mir immer wichtig – ihnen ein schöneres liebevolleres, nicht nur gut versorgendes – zu Hause geben als ich es selbst erlebt habe, das war mir wichtig.

Geld gab es bei uns zu Hause solang ich zurückdenken kann, immer genügend, und wir Kinder mussten nie hungrig ins Bett gehen. Egal, wo wir wohnten: es war immer sauber – aber: wie wir wohnten, war „nicht normal“. zB in Bielefeld zur Miete in einer Villa – nach uns fanden 4 Familien mit drei mal 60 m2 Wohnung und oben unterm Dach 80m2 Wohnfläche Platz. Auch aus dem Haus in Tirol, das meine Eltern auf Geheiß meiner Mutter kauften, können bequem drei Familien drin wohnen.

Ich musste etwas „anständiges lernen, wo von ein Gehalt gesichert sei“, also erlernte ich das Handwerk der Zahntechnik. Mein Vater sah mich in seinem geistigen Auge mit eigenem Labor – ein Traum, welchem ich ihm nicht erfüllte. Während der Lehre auf dem Arbeitsplatz lernte ich Sebastian kennen.

1976: Es wurde mehr daraus, ich wurde schwanger. Wir freuten uns beide rießig über unser Kind. Doch: wie sagen wir das meinen Eltern und dem gemeinsamen Arbeitgeber – denn Sebastian war 4 Jahre älter als ich – und unser Sex daher gesetzlich verboten.

Uns werdenden Eltern war klar: wir wollten unser Kind – und: ein Kind ist kein Heiratsgrund.

Dazu standen wir auch – als mein Vater das Gespräch mit Sebastian und mir führte. Meines Vaters antwort war: „Okay, dann muß euer Kind sterben!“. Ich habe heute noch das Bild vor mir, wir weiß Sebastian und ich wurden. Fortan gelang es Sebastian und mir nicht mehr zusammenzukommen und über weitere Vorgehensweisen miteinander zu reden. Ich packte das notwendigste zusammen und lief hintern Haus den Berg hinauf in die Berge. Auf den Berggipfeln lag noch Schnee und in der Nacht wurde es durchwegs noch empfindlich kühl. Unterschlupf fand ich auf Sennhütten, bei Menschen, welche weder schreiben noch lesen konnten, bei denen mir nicht einmal klar war, ob sie staatlich registriert waren, also ob sie zB über eine Geburtsurkunde verfügten. Aber es waren durchwegs fleißige liebevolle Leute, welche sich um die Tiere andere Leute kümmerten.

In Gedanken holte ich damals mir alle gehörten und gelesenen Informationen zusammen zum Thema Abtreibung. Wie lauteten die neuen Gesetzlichen Bestimmungen? Bis zur 12. Woche kann abgetrieben werden, danach nicht mehr. Okay, dachte ich mir: mein Kind wird leben, wenn ich mich nur lange genug verstecke über diese 12 Wochefrist drüber hinaus. Ich blieb bis Ende der 16. SSW in den Bergen. Und kehrte erst dann wieder in die „Zivilisation“ (die das Töten von menschlichem Leben zulässt- so dachte ich damals) wieder zurück. Während meines Abstiegs kam die Gendermarie (Polizei) mir entgegen – das die sogar bis zur Alm herauf mich suchen würden, hatte ich nicht wirklich  für möglich gehalten – so abwertend wie man bislang mich, die Zugereiste, in Tirol behandelt hatte. Ich wollte nicht nach Hause, sondern in ein Frauenschutzzentrum (ich ging davon aus: wenn es ein Gesetz gibt, wird der Staat umgehenst irgendwelche Schutzeinrichtungen einrichten, in das Frauen flüchten können, wenn das Umfeld die Entscheidung der Schwangeren nicht mittragen will.) Aber weit gefehlt: ich wurde wieder nach Hause gebracht und mit Ohrfeigen empfangen. Mit Ohrfeigen ging es anderntags zum Auto, vorne auf dem Beifahrersitz, meinem Vater zur Kontrolle. Es war eisig im Wagen. Mein Herz erfror, alles war eng geworden in mir. In meinem Kopf hämmerte immer wieder eine Aussage: „Per Gesetz dürfen die Ärzte nur bis zur 12. SSW abtreiben -Ärzte sind dem Leben verpflichtet – Du bist Ende der 16. SSW – das wird ein jeder Blinde Arzt sehen, das Du deutlich über der 12. SSW bist“

In Linz, OÖ bei der Frauenklinik angekommen – der Arzt, den mein Vater gefunden hatte, hatte dort Belegebetten, hatte also ansonsten seine Ordination außerhalb des Spitals.

Nun kam der große Moment: ich sagte jedem mit weißen oder grünen Kittel: ich will mein Kind behalten, bitte helfts mir (im Kampf gegen meinen Vater)! Endlich kam der Arzt, welcher die Abtreibung durchführen sollte. Auch ihm sagte (oder schrie ich?): ich will mein Kind behalten, ich bin Ende der 16. SSW! Seine Reaktion vor der Abtreibung: „Ich muß das ja nicht wissen!“ – 10 Min. später ging es in den OP – 15 Min später wieder rauß. Noch während des Aufwachens kam der Arzt zu mir, welcher die Abtreibung durchgeführt hat und bestätigte mir: „Du hattest recht, Du warst Ende der 16.SSW. Zur Absaugung war dein Kind zu groß, ich musste es in die zerstückeln, Ein Mädchen wär´s geworden!“ 10.000S und das Wort „Danke schön!“ wanderten von meines Vaters Hand in die Hand jenes Arztes, der die Ermordung meiner Tochter durchgeführt hat.

 

1979 wurde ich wieder schwanger, wieder auf ein Mädchen, doch sie hatte einen offenen Rücken – und ich ließ der ungeborenen Tochter die Wahl: zu kommen oder zu gehen. Sie ging friedlich von sich aus. Eines Tages hatte ich Unterleibsschmerzen, so als hätte ich Schmerzen durch eine Verstopfung. Ich ging aufs WC und plumps: meine tote Johanna rutschte aus mir heraus mit Plazenta und allem drum und dran. Sie war süß anzusehen – und tatsächlich ihre Wirbelsäule war tatsächlich fast die ganze Länge über offen: Spina Bifida. Sie starb in der 12. SSW.

 

1980, 1983 und 1987 gebar ich Söhne – aber das ist eine andere Geschichte. Vom 1983 geborenen Sohn bin ich schon Großmutter. Im Jahr 2000 hies es: „Mama, Du wirst Oma!“ und ich gratulierten beiden, meinem 19 jährigen Sohn und meiner 15 jährigen Schwiegertochter in spe. Später, als ich wusste, das Sie alleine ist rief ich sie an und sagte ihr: egal, wie Du Dich entscheidest, ob für oder gegen dein Kind – mit den Folgen musst Du allein klar kommen. Ich stehe zu Dir – auch wenn ihr als Paar auseinander geht!

Die Wiederholung der Geschichte innerhalb der Familie in punkto Teenagerschwangerschaft führte zur Gründung der Selbsthilfegruppe „Ups, ich bin schwanger – wenn Teenager Eltern werden“. Das Fördergeld im ersten Jahr durch die MA 12 für Bürobedarf betrug: 10.000S.

In den ersten 18. Monaten bot ich Gesprächsrunden zum Sorgenaustauschen im 14. tägigen Rhythmus in einem Wiener Nachbarschaftszentrum an. Rasch wurde klar, was gebraucht wurde, denn es kamen schwangere Jugendliche, welche zu Hause rausgeworfen worden waren, weil sie sich für ihr Kind entschieden hatten. Um Not zu wenden, machte ich bei diesen Jugendlichen Nachgehende Sozialarbeit, dh: bei Bedarf holte ich Sie von dort, wo immer sie gerade schliefen – ab, um mit ihnen auf ein Amt zu gehen, sodass sie ihre Rechte anmelden konnten, zB auf eine eigene Wohnung oder auf Sozialhilfe, oder auf die ihnen zustehende Familienbeihilfe usw. Da immer mehr Jugendliche mit diesem gleichen Grundbedürfnis kamen, musste eine andere Lösung her – und ich ging auf die Wiener Babymesse und machte dort bei den Fachleute das Thema zu Thema.

Die Hebamme, Frau Uschi Reim-Hofer fing den Ball auf – und das Projekt Babydoll www.babydoll.at mit dem Haus L.E.N.A. entstand. (L.E.N.A. = Zum „Leben empfangen, natürlich angenommen“) Seither wurden dort 215 schwanger Teenager und ihre Kinder betreut – viele dieser Kinder wären sonst via Abtreibung gestorben – andere schwangere Jugendliche wären auf der Strasse gelandet und dort (mit und ohne ihre Kinder) geblieben.

 

Der Ball dreht sich weiter: auch in Polen entsteht eine Teenagerelternanlaufstelle ….und die Anlaufstelle in Deutschland, der Sterniepark in Hamburg wird ausgebaut – um noch mehr schwangeren obdachlosen Teenager ihren selbstbestimmten Entscheidungen ein Raum, einen Platz, eine Heimat und die notwendige Unterstützung zum (über-) leben zu geben.

Leider haben viele „Erwachsene“ selbst 30 Jahre später immer noch nicht begriffen, dass seit 1974 auch (behinderte) Frauen und (behinderte) Kinder Rechte haben und Selbstbestimmt entscheiden dürfen.  Zum Abdrucken /Veröffentlichen freigegeben © by Gunnhild Fenia Tegenthoff  www.sonnenstrahl.org 

 

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