Interview mit Theresa Burke, Gründerin von "Rachel's Vineyard Ministries"
KING OF PRUSSIA, 21. März 2006 (ZENIT.org).- Depression und Abtreibung stehen in einem oft nicht beachteten, aber realen Zusammenhang zueinander, dem man mehr Aufmerksamkeit schenken sollte, betont Theresa Burke, Expertin in Sachen Post-Abortion-Syndrom (Trauma nach Abtreibung).
Im zweiten Teil dieses Interviews mit Zenit zeigt die Gründerin von "Rachel's Vineyard Ministries" auf, dass die Depression eine natürliche Folge einer Abtreibung ist, die auch erst Jahre später ausbrechen kann.
Die Hilfseinrichtung "Rachel's Vineyard" organisiert Wochenend-Einkehrtage für Frauen, die an den Folgen einer Abtreibung leiden.
ZENIT: Worin bestehen die Risiken einer Depression, die von der Schuld einer Abtreibung herrührt?
Burke: Weil die Abtreibung legal ist, hält man sie für eine gefahrlose Sache. Ja, sie wird sogar allgemein als ein "Recht" der Frau betrachtet. Dieses Recht oder Vorrecht, so meint man, befreie die Frauen von der Last einer ungewollten Schwangerschaft. Man geht davon aus, dass sie ihnen Erleichterung bringt, nicht Trauer und Depression.
Eines der ganz großen Probleme besteht darin, dass die Frauen deshalb, wenn sie von ihren eigenen, völlig natürlichen Reaktionen auf ihren Verlust überfallen werden, nicht verstehen, was mit ihnen los ist. Viele Frauen begeben sich in Behandlung wegen Depressionen, Angstzuständen oder Süchten, erkennen aber einfach nicht die Wurzeln ihrer Krankheit. In vielen Fällen gibt man ihnen Medikamente und stellt eine Diagnose, führt sie aber nicht zur Heilung und Genesung.
Unverarbeitete Erinnerungen und Gefühle über die Abtreibung verursachen einen Leidensdruck, der sich Jahre später auf unerwartete Weise Bahn bricht. Ungeklärte Emotionen pflegen früher oder später mit Gewalt unsere Aufmerksamkeit zu fordern – oft in Form von später eintretenden Gefühls- oder Verhaltensstörungen.
Professor David Fergusson, Forscher an der Christchurch School of Medicine in Neuseeland, wollte beweisen, dass eine Abtreibung keinerlei psychische Folgen hat. Zu seiner eigenen Überraschung fand er heraus, dass Frauen, die abgetrieben hatten, eineinhalb mal häufiger an psychischen Krankheiten litten und zwei- bis dreimal häufiger alkohol- und/oder drogenabhängig wurden. Fergusson begleitete 500 Frauen von ihrer Geburt an bis zu ihrem 25. Lebensjahr. "Bei denjenigen, die abgetrieben hatten, waren die Raten späterer psychischer Gesundheitsprobleme, zu denen Depressionen, Angstzustände, Suizidgedanken und Alkohol- beziehungsweise Drogenabhängikeit gehörten, um 46 Prozent höher" (als bei Frauen ohne Abtreibung), heißt es in der Studie, die im "Journal of Child Psychiatry and Psychology" veröffentlicht wurde.
Abtreibung ist in der Tat für eine stattliche Anzahl von Problemen verantwortlich:
-- ein 160prozentiges Ansteigen der Selbstmordrate in den USA (nach Daten aus dem Jahr 2001 in den Archiven von "Women's Mental Health" ["Psychische Gesundheit von Frauen"]);
-- ein 225prozentiges Ansteigen der Selbstmordrate in Großbritannien (nach dem "British Medical Journal" von 1997);
-- ein 546prozentiges Ansteigen der Selbstmordrate in Finnland in einem Jahr (nach Angaben der "Acta Obstetrica et Gynecologica Scandinavica" von 1997).
Folgt man diesen drei Studien, so schnellte das durchschnittliche Selbstmordrisiko also um 310 Prozent in die Höhe! Diese hohe Suizidrate nach einer Abtreibung widerlegt eindeutig das Märchen, wonach die Beendigung einer Schwangerschaft sicherer sei als eine Geburt.
Die am besten dokumentierte Studie, die einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit einer Einweisung in eine psychiatrische Klinik und einer vorausgehenden Abtreibung herstellt, zeigt, dass in den vier Jahren nach dem Ende einer Schwangerschaft Frauen, die abgetrieben haben, zwei- bis viermal häufiger stationär psychiatrisch behandelt werden müssen als Frauen, die ihr Kind ausgetragen haben.
Aus einer anderen Studie geht hervor, dass auch noch vier Jahre nach der Abtreibung die Rate stationärer psychiatrischer Behandlungen 67 Prozent höher war als bei jenen Frauen, die nicht abgetrieben hatten.
Die Daten in den Archiven von "Women’s Mental Health" aus dem Jahr 2001 belegen, dass bei Frauen, die abgetrieben haben, die Häufigkeit der Diagnose von Gewöhnungsstörungen – depressive Psychose und neurotische und bipolare Störung – häufiger ist als bei Frauen ohne Abtreibung.
Auch das Risiko einer Post-Partum-Depression oder -Psychose ist bei Frauen, die abgetrieben und später Wunschkinder zur Welt gebracht haben, höher als bei Frauen ohne vorausgehende Abtreibung.
Aus einem Bericht des "British Medical Journal" vom 19. Januar 2002 geht hervor, dass bei verheirateten Frauen auch noch durchschnittlich acht Jahre nach ihrer Abtreibung die Wahrscheinlichkeit einer stationär zu behandelnden Depression 138 Prozent höher. In der Kategorie Drogen - und Alkoholmissbrauch finden wir viele Frauen, die versuchen, mit ihrem inneren Konflikt und Schmerz auf diese Weise fertig zu werden. Die Daten ergeben für Frauen, die abgetrieben haben, eine 4,5mal höhere Wahrscheinlichkeit von Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch.
Und diese Zahl stützt sich nur auf die Angaben jener Frauen, die davon sprechen, dass sie süchtig sind. Denken Sie an all jene, die meinen, dass es einfach nur eine Form von "Entspannung" ist, wenn man jeden Abend acht Gläser Wein trinkt, Dieser Aspekt kam im "American Journal of Drug and Alcohol Abuse" aus dem Jahr 2000 zur Sprache.
Die erste internationale Langzeitstudie, die von Dr. Vincent Rue geleitet wurde, bringt erdrückendes Datenmaterial für Störungen, die auf post-traumatischen Stress zurückzuführen sind.
In den USA zusammengetragenes statistisches Datenmaterial zeigt Folgendes:
-- 55 Prozent der Frauen, die abgetrieben haben, berichten von Alpträumen und zwanghafter Beschäftigung mit dem Abtreibungsgeschehen;
-- 73 Prozent berichten von "flashbacks" ("Rückblenden"), in denen sie ihre Abtreibung von neuem erleben;
-- 58 Prozent der Frauen berichten von Suizidgedanken, die sie direkt mit ihrer Abtreibung in Zusammenhang bringen;
-- 68 Prozent sagen, dass sie schlecht von sich selbst denken;
-- 79 Prozent berichten von Schuldgefühlen, die mit der Unfähigkeit verbunden sind, sich selbst zu vergeben;
-- 63 Prozent haben Angstgefühle vor zukünftigen Schwangerschaften und Geburtsvorgängen;
-- 49 Prozent fällt es schwer, sich in der Nähe von Babys aufzuhalten;
-- 67 Prozent beschreiben sich selbst als "gefühlskalt".
Der Überblick über viele weitere Studien und klinische Erfahrungen zeigt, dass für viele Frauen das Einsetzen sexueller Funktionsstörungen und Essstörungen, verstärktes Rauchen, Panikattacken und Angstzustände sowie die Abhängigkeit von Beziehungen, in denen sie misshandelt und entwürdigt werden, nach ihrem Abtreibungserlebnis zu einem Lebensstil wurde, mit dem sie ihre Erinnerung zu bewältigen versuchten.
ZENIT: Gibt es einen wissenschaftlichen oder politischen Grund dafür, dass nicht nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Abtreibung und Depression geforscht zu werden scheint?
Burke: Als Gesellschaft wissen wir, wie man über Abtreibung als politisches Thema diskutiert, aber wir sind nicht in der Lage, auf persönlicher Ebene über Abreibung zu sprechen. Es gibt keine gesellschaftliche Norm für den Umgang mit einer Abtreibung. Anstatt dessen versuchen wir alle, sie zu ignorieren.
Einer der Gründe dafür, dass wir über den Schmerz der Frauen und Männer, die eine Abtreibung erlebt haben, nicht sprechen wollen, besteht darin, dass wir als Gemeinschaft durch das Abtreibungsthema tief verwirrt und verunsichert sind. Während die große Mehrheit glaubt, dass die Abtreibung unter bestimmten Umständen gesetzlich zugelassen sein sollte, sind die meisten durch sie auch moralisch verunsichert und beunruhigt.
Einer größeren Umfrage zufolge sind 77 Prozent der Bürger der Meinung, dass die Abtreibung ein Menschenleben kostet, wobei 49 Prozent sie mit Mord gleichsetzen. Nur 16 Prozent gaben an, dass eine Abtreibung nur ein "chirurgisches Verfahren" sei, mit dessen Hilfe "menschliches Zellgewebe entfernt wird".
Sogar ein Drittel derer, die ich selbst als ganz entschiedene Abtreibungsbefürworter bezeichnen, gestehen doch ein, dass sie glauben, dass abtreiben bedeutet, jemandem das Leben zu nehmen. Dies wird von James Davison Hunter in seinem Buch "Before the Shooting begins: Searching for Democracy in America's Cultural War" ("Bevor das Schießen losgeht: Die Jagd nach Demokratie in Amerikas Kulturkrieg") aus dem Jahr 1994 berichtet.
Diese Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass die meisten Amerikaner ihre eigenen moralischen Überzeugungen die Abtreibung betreffend hintansetzen, aus Respekt vor dem "Recht der Frau auf freie Wahl". Als Gesellschaft haben wir die Wahl getroffen, den Tod ungeborener Kinder zu tolerieren, um das Leben der Frauen zu verbessern.
Dieser moralische Kompromiss wird jedoch gestört, wenn Frauen darüber klagen, dass ihr Herz nach einer Abtreibung gebrochen ist. Ihre Zuhörer fühlen sich dabei unbehaglich, und es verwirrt sie.
Eine Depression über eine gewesene Abtreibung zwingt uns dazu, nicht nur auf die Trauer und den Schmerz einer einzelnen Person zu schauen, sondern auch auf die schleichende Angst in unserer Gesellschaft. Dies ist ein zutiefst komplexes und beunruhigendes Phänomen. Die meisten von uns wollen nicht zu tief in diese Materie hineinblicken.
Abtreibungsbefürworter wollen oft nicht zugeben, dass Frauen nach einer Abtreibung wirklich trauern, weil sie fürchten, dies könne irgendwie die politischen Gründe für die Legalisierung der Abtreibung unterminieren. Indem sie alle Beweise für das Gegenteil übersehen, pflegen die meisten Abtreibungsberater den Frauen zu erzählen, dass psychische Reaktionen auf Abtreibung selten oder gar nicht vorkommen. Sie vermeiden alles, was bei der Frau Unbehagen oder Unsicherheit in ihrer Entscheidung auslösen könnte. Solche Tatsachen, so fürchten sie, könnten die Schwangere dazu bringen, von ihrer Zustimmung zu der ins Auge gefassten Abtreibung Abstand zu nehmen. In Wirklichkeit wird die Wahl zur Abtreibung von den Beraterinnen für die Schwangere entschieden, da sie sie vor jeder Information abschirmen, die dazu führen könnte, dass sie ihre Meinung revidieren.
Das Zusammenspiel von Ignorieren und Ableugnen führt gegenüber Frauen zu Gewalt und Missachtung und ebnet damit den Weg für ein Trauma, das tiefe Wunden hinterlässt.
ZENIT: Glauben sie, es würde die Frauen, die an eine Abtreibung denken, abschrecken, wenn sie wissen würden, dass sie nach der Abtreibung eine Depression oder Psychose bekommen können?
Burke: Ich hoffe es. Auf alle Fälle aber haben die Frauen, wenn sie vor der Wahl stehen, ob sie eine Abtreibung durchführen lassen, ein Recht darauf, die Gefahren zu kennen, die ihnen drohen.
Dem Gesetz nach muss für jedes Medikament und jede ärztliche Maßnahme, für die wir uns entscheiden, eine informierte Zustimmung unsererseits gegeben sein. Das bedeutet, dass wir wissen, was die Folgen und Nebenwirkungen sein können, worin die Maßnahme besteht und welche kurz- und langfristigen Risiken damit verbunden sind. Das sind entscheidend wichtige Informationen.
Im Licht der beunruhigenden Statistiken über Gefahren für die psychische Gesundheit, über ein erhöhtes Brustkrebsrisiko usw. liegt es auf der Hand, dass Beschränkungen und Regelungen zum Schutz der reproduktiven und psychischen Gesundheit der Frauen nötig sind. Und was meiner Meinung nach noch wichtiger ist: Frauen und Männer, die durch eine Abtreibung den Verlust eines Kindes erlitten haben, müssen wissen, dass es Hoffnung und Heilung gibt. Sie müssen wissen, dass sie nicht allein sind.
Im Jahr 1989 entschied ein von der "American Psychological Association" einberufenes Expertengremium einhellig, dass eine legale Abtreibung "für die meisten Frauen, die sich diesem Verfahren unterziehen, keine psychischen Risiken mit sich bringt". Dieses Gremium hob hervor, dass, wenn tatsächlich emotionale Reaktionen häufig auftreten würden, es zu einer Epidemie käme und zu einem Ansturm von Frauen auf psychotherapeutische Behandlung. Das Gremium stellte fest, dafür gäbe es keine Anzeichen. Seit dem Jahr 1989 hat sich an diesem Standpunkt nichts Wesentliches geändert. Ganz offensichtlich haben diese Experten und die "American Psychological Association" nicht mitbekommen, welchen Zuwachs "Rachel‘s Vineyard Ministries" erfahren haben.
Im Jahr 2006 wird unsere Organisation 450 Wochenend-Einkehrtage für Heilung nach einer Abtreibung anbieten. Jede dieser Veranstaltungen wird zwischen 12 und 25 Teilnehmer haben. Das bedeutet, dass sich in diesem Jahr zwischen 5.400 und 11.250 Personen zu einer Behandlung angemeldet haben.
Unser Dienst hat eine Zuwachsrate von 40 Prozent pro Jahr. Allein in den letzten sieben Jahren suchten Tausende von Männern und Frauen Hilfe, da sich "Rachel's Vineyard" nach Afrika, Taiwan, Russland, England, Irland, Schottland, Spanien, Portugal, Südamerika, Kanada und überall in den Vereinigten Staaten ausgebreitet hat. Überall tauchen plötzlich Hunderte von weiteren Post-Abortion-Hilfsdiensten auf. Ganz gleich, was die Amerikanische Psychologenvereinigung denken mag: Diejenigen von uns, die in diesem Dienst arbeiten, kennen die Wahrheit: Es herrscht wirklich eine Epidemie, die man auf verantwortungslose, skandalöse Weise nicht beachtet, fehldiagnostiziert und unbehandelt gelassen hat.
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